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Redner: Ayatollah Dr. Reza Ramezani Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg

Das qur’anische Menschenbild (Teil 3)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
 
In den vorausgegangenen Diskussionen haben wir festgestellt, dass der Mensch aus zwei Dimensionen besteht, einer materiellen und einer spirituellen Dimension. Die verschiedenen Ansichten über den Geist werden allgemein in vier Gruppen unterteilt:
 
1. Einige streiten die Existenz des Geistes gänzlich ab, akzeptieren die Existenz immateriellen Seins nicht und begegnen behaupteten spirituellen Phänomenen mit materiellen Erklärungen.[1]
2. Einer anderen Ansicht zufolge gibt es zwar spirituelle Phänomene, erkennt jedoch keine Begründung für den Geist als eigenes Wesen. Deren Vertreter unterscheiden zwischen spirituellen und materiellen Angelegenheiten, betrachten die spirituellen Angelegenheiten jedoch als materiellen und physiologischen Vorgängen entsprungen.[2]
3. Eine dritte Sichtweise erkennt Geist und Körper als zwei voneinander unabhängige Elemente an, die jedoch einen materiellen Ursprung teilen.[3]
4. Eine weitere Auffassung zufolge beeinflussen sich Geist und Körper wechselseitig und außer an eine körperliche, materielle Dimension wird auch eine eigene spirituelle Dimension akzeptiert, der alle spirituellen Phänomene zuzuteilen sind.[4]
 
Eine Erläuterung all dieser Ansichten und ihrer Argumente würde über den Rahmen dieser Ansprache hinausgehen, und deshalb möchten wir hier nur auf die relevanten Qur’anverse eingehen. Zunächst gilt es festzuhalten, dass der Geist im Heiligen Qur’an als selbständiges Seiendes erwähnt wird, und zwar in zweierlei Art von Versen. Einige Verse weisen auf die Existenz des Geistes hin, wie die Verse 12 bis 14 der Sure al-Mu’minÚn, und andere beschreiben ihn darüber hinaus als eigenes, unabhängiges Seiendes, das nach dem Tod fortexistiert. Diese Verse der Sure al-Mu’minÚn erwähnen die Stadien der Schöpfung des Körpers, und stellen dann fest: „dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung“. Selbstverständlich kann es sich bei dieser „anderen Schöpfung“ nicht um eine Fortsetzung der körperlichen Entwicklung handeln. Das im Qur’an erwähnte Einhauchen des Geistes ist ein Argument dafür, dass der Geist andere Eigenheiten aufweist als die Materie und über die materielle Welt hinausgeht.[5]
 
Auch Vers 9 der Sure as-Saºda verweist auf die Existenz des Geistes im Menschen und erwähnt das Thema der Schöpfung Adams (a.s.), wonach dem Menschen, nachdem dieser die Stufen der körperlichen Entwicklung durchlaufen hat, von Gott Geist eingehaucht wurde.
 „Dann formte Er ihn und hauchte Ihm von seinem Geist ein…“
 
In manchen Versen werden über die Existenz des Geistes hinaus auch dessen Unabhängigkeit und Fortbestehen nach dem Tod erwähnt. Auch diese Verse werden in verschiedene Gruppen unterteilt:
 
1. Verse, die für den Tod den Begriff „Abberufen“ oder „Hinnehmen“ verwenden:
 
 „Und sie sprechen: ‚Wie! Wenn wir in der Erde verloren sind, sollen wir dann in neuer Schöpfung sein?’ Nein, vielmehr glauben sie an die Begegnung mit ihrem Herrn nicht. Sprich: ‚Der Engel des Todes, der über euch eingesetzt wurde, wird euch hinnehmen; dann werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht.’“
 
Der Begriff „hinnehmen“ bedeutet, etwas ganz und vollkommen zu nehmen. Beim Tod werden göttliche Engel das nehmen, was das Wesen des Menschen ausmacht, nämlich den Geist. Es ist eine Antwort auf die Gedanken derjenigen, die die Auferstehung abstreiten. Dieser Vers besagt, dass der Mensch nicht nur aus einem Körper besteht. Sein Wesen und seine Identität sind in etwas Anderem, was ihm der Todesengel voll und ganz entnehmen wird, wenn er stirbt. Dieses Etwas kann durch den Tod und die Vernichtung des Körpers nicht zerstört werden. Es besteht unabhängig vom Körper weiter.
 
2. Ein weiterer Vers, der auf die Unabhängigkeit und das Fortbestehen des Geistes hinweist, ist Vers 93 der Sure al-An`am:
 
 „…aber könntest Du nur die Frevler in des Todes Schlünden sehen, wenn die Engel ihre Hände ausstrecken: ‚Liefert eure Seelen aus! Heute sei euer Lohn die Strafe der Schande als Vergeltung für das, was ihr an Falschem gegen Gott gesprochen habt, und weil ihr euch hochmütig von Seinen Zeichen abgewendet habt."
 
Der Ausdruck „liefert eure Seelen aus“weist darauf hin, dass abgesehen vom Körper ein weiteres Element existiert, welches das wahre Wesen des Menschen ausmacht und den Körper nach dem Tod verlässt. Man sollte allerdings beachten, dass dies kein materielles Phänomen ist, genauso wie die Vereinigung von Körper und Seele nicht materieller Natur ist.[6]
 
3. Der dritte Vers spricht das Leben in der Welt zwischen Hölle und Paradies an und sagt, dass es im Menschen eine Wahrheit gibt, die man nicht anhand materieller Eigenheiten beschreiben und bewerten kann. Es ist im Besitz eines eigenen Wesens:
 
 „Wenn dann der Tod an einen von ihnen herantritt, sagt er: ‚Mein Herr, bringe mich zurück, damit ich Gutes tue von dem, was ich unterlassen habe.’ Keineswegs, es ist nur ein Wort, das er ausspricht. und hinter ihnen steht eine Schranke bis zu dem Tage, an dem sie auferweckt werden.“[7]
 
Alle Verse, die diese Zwischenwelt erwähnen, sind ein Beweis dafür, dass der Mensch den Zeitraum zwischen seinem Tod und der Auferstehung in einer Welt verbringt, in der ihm entweder die göttlichen Gaben oder seine Strafen zuteil werden. Dort gibt es Vorwürfe und Tadel oder Lob und frohe Botschaften, die das Verweilen in dieser Welt wie eine eigene Hölle oder ein eigenes Paradies sein lassen können. Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.
 


Anmerkungen:
[1] Demokrit, Zenon von Elea, Thomas Hobbes, die Behavioristen, Jalaf, As`ari, Baqillani und AbÚ Bakr Assam gelten als Anhänger dieser Ansicht.
[2] Thomas Henry Huxley ist ein Vertreter dieser Ansicht.
[3] U. a. William James und Bertrand Russell befürworten diese Sichtweise.
[4] Die meisten muslimischen Philosophen und Wissenschaftler sind dieser Ansicht.
[5] Siehe Muhammad Husayn Tabatabaie: Al-mizan fi tafsir al-qur’an, Bd. 15, S. 19. Auch in den Überlieferungen wird dieser Vers so interpretiert. Siehe Muhammad ibn al-Husayn al-Hurr al-Amili: Wasil al shiþa, Bd. 19, S. 324.
[6] Siehe Al-mizan, a.a.O., Band 7, S. 285.
[7] Sure al-Mu’minun, Verse 99-100.