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Redner: Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg

Das qur’anische Menschenbild (Teil 4)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
 
In den vergangenen Diskussionen stellten wir mit Hilfe der Qur’anverse fest, dass der Mensch abgesehen vom Körper und den damit verbundenen, materiellen Phänomenen auch eine andere Wahrheit, ein vom Körper unabhängiges Wesen namens Geist besitzt. Dieser Geist definiert die Persönlichkeit und die Identität des Menschen und verleiht ihm erst seine Identität. Der Körper ist nur ein Instrument für dieses Wesen, und um etwas näher darauf einzugehen, werden hier einige vernünftige Argumente erwähnt. Eine ausführliche Darlegung dieser Beweisführungen finden sie in der einschlägigen Literatur.
 
 1. Beständigkeit der Persönlichkeit
 
Niemand bezweifelt seine eigene Existenz, weil sich jeder wahrnimmt und von dieser Wahrnehmung überzeugt ist. Das Bewusstsein vom eigenen Selbst des Menschen ist eine der banalsten Gegebenheiten und bedarf keiner Beweise. Dieses „Selbst“ oder „Ich“ begleitet uns in allen Phasen unseres Lebens und ist stabil und beständig. Wir erfahren seine Eigenschaften und Besonderheiten unmittelbar und bezweifeln sie nicht, und es vermittelt uns die Erkenntnis, dass beispielsweise unsere Gliedmaßen und Körperzellen nicht so beständig sind, weil wir sie mittels unserer Sinnesorgane erfassen, deren Wahrnehmungen veränderlich sind. Daher ist dieses „Ich“ oder „Selbst“ eine vom Körper getrennte und unbeeinflusste Wahrheit. Diese Beständigkeit ist ein Beweis seiner immateriellen Natur.
 
2. Raumlosigkeit
Materielle Wesen benötigen eine materielle Dimension, einen Ort, an dem sie existieren können, sie nehmen einen gewissen Raum ein. Der Geist und geistige Phänomene sind jedoch raumlos, und wir können unserem Geist, d. h. unserem „Ich“ niemals einen Raum oder Platz inner- oder außerhalb unseres Körpers zuschreiben. Der Geist ist weder der Körper, noch eine Eigenschaft des Körpers, so dass er auf Raum angewiesen wäre, noch entsteht er im Körper. Geistige Phänomene wie Trauer, Freude, Nachdenken, Schlussfolgern, Wille und Entscheidungen zu treffen beziehen sich per se auf keinen bestimmten Ort. Man kann nicht behaupten, Hände, Augen oder Zunge seien erfreut, sondern diese Freude bezieht sich auf etwas, was das Materielle transzendiert.
 
3. Die Unteilbarkeit des Geistes und der geistigen Phänomene
 
Wir alle wissen, dass materielles und körperliches Sein teilbar und zusammengesetzt ist, weil es über eine quantifizierbare Menge oder Masse verfügt. Einen 10cm großen Stein oder einen 1m langen Holzblock kann man, da sie über Maße und Volumen verfügen, in jeweils zwei 5cm und 0,5m große Stücke aufteilen. Bedenken wir jedoch unser „Selbst“, stellen wir fest, dass es sich hierbei um nichts Materielles handelt. Man kann sie nicht erweitern oder teilen, sie ist keine Materie und besitzt keine Eigenschaften von Materie. Der Geist und die Seele des Menschen sind nicht teilbar, wie auch ihre Phänomene und Eigenschaften nicht quantifizierbar sind. Denken, Überlegen und Verstehen sind keine Tätigkeiten, die man einem Körperteil zuweisen kann. Das Gehirn ist selbstverständlich nur ein Instrument des Verstandes, und kann per se nichts begreifen.
 
Der Geist des Menschen ist also ein abstraktes und immaterielles Wesen, und die wahre menschliche Identität hängt von ihm und nicht vom Körper ab. Das ist unzweifelbar den Qur’anversen zu entnehmen, denn sie sprechen von einem getrennten Prozess, einer anderen Schöpfung bzw. vom Einhauchen des Geistes, nachdem die Entwicklung des Körpers abgeschlossen ist: dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung.“[1]Der Fortbestand des Menschen nach seinem Tod, sein Verweilen in der Zwischenwelt und die vollständige Trennung von Geist und Körper beweisen die Immaterialität des Geistes. Würde die Identität des Menschen von seinem Körper abhängen, würde sie mit dem Tod und dem Zerfall des Körpers ebenfalls vernichtet werden. Der Qur’an betont aber den Fortbestand des menschlichen Seins nach dem Zerfall des Körpers. Die Anerkennung der Auferstehung und des Lebens nach dem Tod machen deutlich, dass der Mensch nicht nur eine materielle, körperliche Dimension, sondern auch eine immaterielle, spirituelle, von der Materie abstrahierte Dimension besitzt. Seine Persönlichkeit kann man in allen Phasen des Lebens, ob nun in dieser Welt oder im Jenseits und nach der Auferstehung durch diesen Geist erkennen. Diese Kenntnis bildet die Basis vieler Diskussionen über den Menschen, die alle die Anerkennung einer spirituellen Dimension und der Abstraktheit von Geist und Seele des Menschen voraussetzen, und muss von jedem entsprechend seiner Kapazitäten angestrebt werden. Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.


[1] Vgl. Sure al-Mu’minun, Vers 14.

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