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Redner: Ayatollah Dr. Reza Ramezani

Die Arten der Vertrautheit mit dem Heiligen Qur’an

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.

 

In den vorangegangenen Ansprachen haben wir festgestellt, dass der Heilige Qur’an das Wort Gottes, des Schöpfers allen Seins ist, und dass der Mensch, wenn er sich nach diesem heiligen Buch richtet, seinen rechten Weg im Leben finden wird, nämlich den Weg zur Anbetung Gottes, des Erhabenen, und Ihm dadurch näher kommen wird. Wir haben darüber hinaus festgestellt, dass allein der Heilige Qur’an alle Aspekte des menschlichen Seins umfasst, und dem angesprochenen Menschen alle ethischen, gottesdienstlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten erläutert. Zweifellos wird ein Mensch, der sich mit dem Heiligen Qur’an vertraut macht, dessen erleuchtenden Verse liest, darüber nachdenkt und versucht, die Inhalte zu verstehen und zu beherzigen, auch den Sinn des Lebens verstehen und sich in allen Angelegenheiten nach dem Qur’an richten; damit findet er zugleich Schutz vor Irrtum und Fehlern. Deshalb soll man sich damit vertraut machen und in jedem Augenblick seines Lebens damit verbunden sein.

 

Wenn wir die Qur’anverse und Überlieferungen betrachten, stellen wir unverzüglich fest, wie wichtig diese Vertrautheit ist, denn der Heilige Qur’an stellt sich selbst vor als „Licht“ und „deutliche Schrift“[i] und als „Heilung und Barmherzigkeit für die Gläubigen“[ii], und betont, dass jeder Mensch mit Hilfe dieser Schrift zum Wohlwollen und zur Zufriedenheit Gottes gelangen und Rechtleitung finden kann.[iii] Aus weiteren Versen geht hervor, dass der Heilige Qur’an die Menschen aus der Dunkelheit ins Licht der Rechtleitung führt.[iv] Aus diesem Grund sollten wir uns damit befassen und dabei unser Bestes versuchen, damit wir uns von jeglicher Unreinheit und jedem Schmutz reinigen. Derartige Empfehlungen finden wir auch in zahlreichen Überlieferungen, wie in den nachfolgenden Worten von Imam Ali (a.s.), die er an Ibn Hanifeh richtete:

 

„Lese den Qur’an und handle danach, halte dich an die religiösen Vorschriften und Bestimmungen, das Erlaubte und das Verbotene, gebiete und verwehre dieses, und lese was darin steht und halte daran fest, bei Tag und bei Nacht.“[v]

 

Imam Ali (a.s.) beschreibt auch die tugendhaften Menschen, die sich mit dem Qur’an vertraut gemacht haben: „Sie stehen in der Nacht auf ihren Füßen und rezitieren die Verse des Qur’an mit vollem Bewusstsein und geistiger Hingabe und suchen die Heilung für ihre Nöte zu erlangen. Wenn sie Verse lesen, die Freude und Hoffnung vermitteln, dann lesen sie sehr interessiert und nehmen es mit ihrem ganzen Geist wahr, als hätten sie es direkt vor Augen. Und wenn sie einen Vers lesen, in dem von Fürchten und Ermahnung die Rede ist, dann horchen sie aufmerksam mit ganzem Herzen zu, und sie meinen, sie würden das Tosen des Höllenfeuers in der Tiefe ihrer Ohren dröhnen hören.“[vi]

 

An dieser Stelle ist es angebracht, auf die Art und Weise, wie man mit dem Heiligen Qur’an vertraut werden kann, hinzuweisen. Der erste Schritt für dieses Vertrautwerden besteht für jeden Muslim, gleich ob Mann oder Frau, darin, den Qur’an zu erlernen, ihn zu lesen und vorzutragen. Dafür sollte man in seinem Tagesablauf eine bestimmte Zeit vorsehen; dadurch wird der Muslim seinen Pflichten und Aufgaben gegenüber wachsam, und er vernachlässigt sie nicht mehr. Der Heilige Qur’an lehrt: „…So tragt denn so viel vom Qur’an vor, wie es (euch) leichtfällt…“[vii] Wenn wir wissen, wie wichtig dieses Lesen ist und welcher Status ihm beigemessen wird, dann werden wir es ganz bestimmt nicht vernachlässigen, insbesondere dann nicht, wenn es mit innerer Reinheit geschieht. Hierzu sagte Imam Sadeq (a.s.): „Die Bewohner des Himmels sehen die Helligkeit eines Hauses, in dem der Qur’an mit Reinheit gelesen wird.“[viii]

 

Wir dürfen natürlich auch die notwendigen Gepflogenheiten beim Lesen des Qur’an nicht außer Acht lassen. Dazu gehören z. B. die Sauberkeit von Leib und Seele, dass man sich auf das Lesen im Heiligen Qur’an mit der rituellen Waschung vorbereitet, und den Mund ausspült, da das Wort Gottes, des Erhabenen, durch den Mund ausgesprochen wird. In einer Überlieferung heißt es, dass Prophet Mohammad (s.a.s.) einst zu seinen Gefährten sagte: „Macht den Weg des Qur’an sauber. Er wurde gefragt: ‚Oh Gesandter Gottes, was ist der Weg des Qur’an?’ Er sagte: ‚Euer Mund!’ Sie fragten: ‚Womit (sollen wir ihn säubern)?’ Er sagte: ‚Mit einer Bürste.’“[ix]

 

Bevor man mit dem Lesen des Heiligen Qur’an beginnt, sollte man Schutz bei Gott, dem Erhabenen, vor dem Teufel suchen[x] und erst dann anfangen, aufrichtig und aufmerksam zu lesen, denn es ist möglich, dass der Leser etwas Materielles für sich gewinnen oder auf eine andere Art und Weise Vorrang erlangen will. Es ist auch möglich, dass die Regeln des Rezitierens und die Aussprache zwar beachtet werden, die Grenzen dabei aber überschritten oder missachtet werden. Es gibt aber auch Leute, die den Qur’an lesen und versuchen, mit ihm ihre inneren Wunden zu heilen, und deswegen bleiben sie Nächte lang wach und beten zu Gott, dem Erhabenen. Mit dem Lesen des Qur’an suchen sie den rechten Weg für ihr Leben im Diesseits und versuchen auch für das Jenseits etwas daraus zu erlangen.

 

Ein anderer Schritt für die Vertrautheit mit dem Heiligen Qur’an ist das Auswendiglernen der Verse. Dies war in der Zeit der Offenbarung die einzige Möglichkeit, mit dem die guten und tugendhaften Menschen das göttliche Buch vor Verfälschung und teuflischen Intrigen bewahrt und geschützt haben. Auch die Heiligen Imame (a.s.) haben die Menschen, die den Qur’an auswendig konnten, sehr respektiert. Für sie war das stetige Lesen und das Auswendiglernen des Heiligen Qur’an auch der Maßstab für die Auswahl von Menschen, die sie mit wichtigen Aufgaben in den gesellschaftlichen und sozialen Bereichen beauftragten. Der Prophet selbst (s.a.s.) hat solche Menschen als Gouverneure oder Imame ausgewählt und in verschiedene Regionen entsandt. Selbst als sie in der Schlacht von Uhud ihre Märtyrer begraben wollten, haben sie dafür jenen den Vorzug gegeben, die den Qur’an besser kannten.[xi] Um den Qur’an auswendig zu lernen, muss man in seinem Herzen den inneren Wunsch dazu verspüren, und man braucht ferner einen starken Willen, Standhaftigkeit, den Sinn für Ordnung und Durchhaltevermögen.

 

Der darauf folgende Schritt für das Vertrautwerden mit dem Heiligen Qur’an besteht darin, dass man ihn mit schöner Stimme liest, und das ist so wichtig, dass der Prophet (s.a.s.) dies als Zierde für den heiligen Qur’an bezeichnete.[xii] Da der Qur’an einen besonderen eigenen Klang hat, ist er für alle interessant, und daher sollte der Leser des Qur’an mit klangvoller Stimme lesen; oder zumindest sollten diejenigen, die eine gute Stimme haben, ihn mit besonderer Würde lesen, so dass es eine gute Wirkung im Inneren bewirkt.

 

Zu den wichtigsten Schritten auf dem Weg des Vertrautwerdens mit dem Heiligen Qur’an gehört es, ihn zu verstehen und im Alltag danach zu handeln, denn dann wird der Mensch merken, dass der Qur’an der beste Schutz und Wegweiser ist, um zum Ziel zu gelangen. Wenn man dem Qur’an gemäß handelt und sich danach richtet, wird man nie Zweifel haben oder Zwiespältigkeit verspüren.

 

Der Qur’an ist ein Buch mit sehr tiefen Quellen des Wissens, und man kann von ihm so viel lernen wie man will, es wird niemals erschöpfend sein. Deshalb hat der Mensch Interesse daran, das eigene Verständnis stets zu vertiefen und damit zu immer neuen Erkenntnissen zu gelangen. Dieser Aspekt motiviert den Menschen zum Lesen des Qur’an und lässt ihn sogar zum Bestandteil seines Alltags werden, indem er bei jeder Gelegenheit versucht, immer tiefer hinein zu schauen. Darüber hinaus zieht man Übersetzungen und Interpretationen hinzu und versucht, sich immer mehr in den Qur’an zu vertiefen und aus den spirituellen Tiefen dieser Schrift Nutzen zu ziehen. Aus diesem Grund gehörten das Rezitieren und Lesen des Heiligen Qur’an zu den wesentlichen Charaktermerkmalen der Familienangehörigen des Propheten (s.a.s.). Es kam sehr oft vor, dass sie den gesamten Heiligen Qur’an an einem Tag durchgelesen haben.

 

Unter den Qur’anwissenschaftlern gab es viele, die ihn schon im Kindesalter vollständig auswendig gelernt und die tiefste Verbindung mit ihm gefunden hatten. Es waren Theologen wie Ibn SÍnÁ, der im Alter von zehn Jahren den Qur’an auswendig kannte.[xiii] Ein weiterer war Seyyed ibn ÓÁwÚs, der das mit 15 Jahren geschafft hatte.[xiv] Der iranische Dichter Rudaki hatte den kompletten Qur’an mit acht Jahren auswendig gelernt, obwohl er blind war. Es gibt auch weltberühmte Qur’anrezitatoren wie z. B. die Meister þAbdulbÁsiÔ, Mu½ammad ÆadÍq ManÊÁwÍ und ParhÍzgÁr. Auch diese kannten bereits im Kindesalter den Heiligen Qur’an auswendig.

Wir hoffen und erbitten, dass wir mit der Gnade Gottes, den Heiligen Qur’an verstehen, schön lesen, auswendig lernen, mit ihm vertraut werden und in unserem Leben in die Tat umsetzen werden. Und der Friede sei mit euch und die Gnade Gottes und Seine Segnungen.

 

 



Fußnoten:

[i] Sure al-Maida, Vers 15: „…Wahrlich, zu euch sind ein Licht von Gott und ein klares Buch gekommen.“

[ii] Sure al-Isra, Vers 82: „und Wir senden vom Qur'an das hinab, was eine Heilung und Barmherzigkeit für die Gläubigen ist…“

[iii] Sure al-Maida, Vers 16: „damit leitet Gott jene, die Sein Wohlgefallen suchen, auf die Wege des Friedens…“

[iv] Sure Ibrahim: „…(Das ist) ein Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit du die Menschen mit der Erlaubnis ihres Herrn aus den Finsternissen zum Licht führen mögest…“

[v] Nahju-l-Balgha.

[vi] Nahju-l-Balgha, Ansprache 184.

[vii] Sure al-Muzzammil, Vers 20.

[viii] Usul Kafi, Bd. 2, S. 446.

[ix] Mizan al-Hikmah, Bd. 8, S. 85f.

[x] Sure an-Nahl, Vers 98: „Und wenn du den Qur'an liest, so suche bei Gott Zuflucht vor Satan, dem Verfluchten.“

[xi] Tarikhe Qur’an (die Geschichte des Qur’an), S. 231.

[xii] „Eine schöne Stimme ist die Zierde des Qur’an“.

[xiii] Rihanatu-l-adab, Bd. 7.

[xiv] Setare fazilat, Bd. 3, S. 117.