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Redner: Imam und Leiter des Islamischen Zentrums HamburgDas qur’anische Menschenbild (Teil 10)Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
In den bisherigen Diskussionen kamen wir zu dem Schluss, dass der Mensch über eine natürliche Veranlagung verfügt, die sich auf seine Kenntnisse, Neigungen und Fähigkeiten auswirkt. In der Ansprache der letzten Woche waren die Auswirkungen dieser natürlichen Veranlagung auf die Kenntnis unser Thema, und diese Woche befassen wir uns mit den Neigungen, die auf die natürliche Veranlagung zurückzuführen sind.
Zweifelsohne hat der Mensch abgesehen von Bedürfnissen und Neigungen, die sich auf die Sinnesorgane beziehen und mittels dieser wahrnehmbar sind, auch Bedürfnisse, die mit Sinnesorganen nicht wahrnehmbar sind und als heilig betrachtet werden. Hinsichtlich der Anzahl dieser Neigungen besteht keine Übereinstimmung, doch die wichtigsten umfassen das Streben nach Wahrheit, Tugend, Schönheit, Anbetung und Religiosität. Manche zählen auch die Neigung der Menschen zum gesellschaftlichen Leben dazu, andere sogar die Neigung zum ewigen Leben. Der Mensch ist dem Gedanken seiner Vernichtung und seines Untergangs abgeneigt, und die Angst vor dem Tod wird darauf zurückgeführt. Dies als natürliche Veranlagung zu betrachten bedeutet, dass der Mensch gerne ewig leben würde und dass dieser Wunsch und diese Vorstellung ihn ständig motivieren, sich zu bemühen. Sollte damit jedoch der eher primitive Wunsch nach Fortbestand gemeint sein, so handelt es sich dabei um keine natürliche Veranlagung, sondern um einen Mensch und Tier gemeinsamen Instinkt.
Die wichtigste natürlich veranlagte Neigung des Menschen ist die Liebe zum Schöpfer der Welt, zum erhabenen Herrn. Sie wird auf die Neigung des Menschen zur absoluten Vollkommenheit zurückgeführt. Es mag zwar den Anschein haben, dass die Menschen verschiedenen Dingen nachgehen, doch in Wirklichkeit suchen sie alle dasselbe, und zwar die absolute Vollkommenheit. Jemand, der die Schönheit sucht und diese Schönheit in jemandem sieht, schließt diese Person ins Herz. Findet er eine noch schönere Person, verliebt er sich in beide, oder vergisst die erste Person sogar. Das setzt sich fort, bis schließlich keine schönere Person mehr gefunden werden kann. Dieser Mensch sucht also die ultimative Schönheit, das absolut Schönste, weiß jedoch nicht, wem die absolute Schönheit eigen ist. Die Neigung dazu, dem Geliebten Folge zu leisten, mit Ihm vertrauliche Gespräche zu führen, Ihn um Hilfe zu bitten, auf Ihn zu vertrauen und ähnliches sind verschiedene Formen der natürlichen Verbindung zu Gott, und unterscheiden sich alle von der „angeborenen Liebe zu Gott“. Dies sollte besonders genau beachtet und verstanden werden.
Es gibt auch angeborene Fähigkeiten des Menschen. Dazu gehört seine Fähigkeit, zu lernen und zu verstehen, die ihn von allen anderen Wesen unterscheidet; er kann komplexe Begriffe verstehen, verallgemeinern, mittels seines Verstands Details analysieren und allgemeine Regeln folgern, Formeln entwerfen und komplexe Berechnungen durchführen, Wissenschaften wie Mathematik, Algebra und Geologie nachgehen, er kann die Wahrheiten der Welt wahrnehmen und sie interpretieren, wie in den Versen 31 bis 33 der Sure al-Baqara gesagt wird. Diese Verse erklären die Lehre der göttlichen Namen und schreiben dem Menschen eine Wahrnehmungskraft zu, wie sie nicht einmal den Wesen der Engelswelt gewährt wurde.
Der Mensch besitzt die einzigartige Fähigkeit, sich selbst und seine inneren Bedürfnisse zu kontrollieren. Er kann also Entscheidungen treffen und durchsetzen, die nicht an seinen eigenen Bedürfnissen orientiert sind. Aus diesem Grund sieht der Heilige Qur'an einen Menschen, der seinen instinktiven Wünschen unterworfen ist und nichts gegen diesen Zustand unternimmt, als den Tieren unterlegen an[1] und in vielerlei Hinsicht noch schlimmer[2]. Dies lässt sich einfach damit erklären, dass der Mensch über Verstand und höhere Neigungen verfügt, die er nützen kann, um sich zu entwickeln. Er kann den Versuchungen der Triebseele widerstehen und sich dadurch seine spirituelle Entfaltung ermöglichen.
Auch die Kreativität kann man als angeboren betrachten. Diese Sichtweise impliziert, dass sich die Dinge im menschlichen Leben nicht wiederholen, und somit der Mensch das einzige schöpferische Geschöpf ist. Eine weitere angeborene Fähigkeit des Menschen ist die Fähigkeit, sich mit Worten zu verständigen. Diese Fähigkeit gehört in die Kategorie anderer Fähigkeiten wie Denkvermögen, die Fähigkeit, Symbole und Wörter zu entwerfen, und sich mit deren Hilfe zu verständigen. Die wichtigste angeborene Fähigkeit der Menschen ist seine Fähigkeit, sich dem Schöpfer anzunähern. Der Mensch kann Stufen der Nähe zum Schöpfer erreichen, auf denen er sich mit nichts anderem befasst als Gott, und jede Sekunde mit dem Gedanken verbringt, sich immer mehr dem Geliebten anzunähern. Mit seinen Bemühungen und mittels des Stärkens seines Glaubens wird er sein Ziel auch erreichen.Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.
Fußnoten:
[1] „…sie sind wie das Vieh; nein, sie irren noch eher (vom Weg) ab…“ (Sure al-Araf, Vers 179).
[2] „Die schlimmsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die Ungläubigen, die vorsätzlich nicht glauben wollen…“ (Sure al-Anfal, Vers 55).
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