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Redner: Imam und Leiter des Islamischen Zentrums HamburgDas qur’anische Menschenbild (Teil 6)Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
Die Veranlagung
Zu den Dingen, die allen Menschen gemeinsam sind, gehört die natürliche, göttliche Veranlagung. Dieses Thema ist wichtig, denn wenn man sich darin vertieft, erkennt man die verschiedenen Aspekte seiner Existenz und schlägt einen wünschenswerten Weg zur Selbstkenntnis ein. Auf diesem Wege erfahren wir, ob der Mensch von Natur aus zum Guten neigt oder zum Bösen, und ob er von Geburt an über Kenntnisse, Kapazitäten und Talente verfügt oder nicht. Derartige Diskussionen können eine große Rolle in der korrekten Einschätzung der Menschheit spielen.
Psychologen und Soziologen haben in den vergangenen Jahrhunderten umfangreiche Forschungen und Studien angestellt, doch hinsichtlich der Veranlagung des Menschen gibt es keinen Konsens zwischen ihnen. Im Allgemeinen kann man aber die daraus hervorgegangenen Theorien und Meinungen in zwei Gruppen aufteilen. Eine Gruppe streitet jegliche natürliche, allen gemeinsame Veranlagung im Menschen ab, während die andere deren Existenz anerkennt.
Die Widersacher der Existenz einer gemeinsamen, menschlichen Veranlagung
Die Denker mancher Ideologien akzeptieren keineswegs die Existenz einer allen Menschen gemeinsamen Veranlagung. Dazu gehören Existentialisten, Anthropologen, Sozialwissenschaftler, Historiker usw.
Existentialisten lehnen eine allgemeine menschliche Veranlagung ab, weil sie einen großen Wert auf die Freiheit und Verantwortung des Menschen legen und eine solche Veranlagung aus ihrer Sicht mit Freiheit nicht vereinbar ist. Sartre war der Überzeugung, dass es keine natürliche Veranlagung gibt, an der der Mensch festhalten könnte.[1] Die Existentialisten sind davon überzeugt, dass der Mensch mittels seines gewählten Lebenswegs und seiner Taten seine Identität selbst prägt. Demnach kann man ihm keine natürliche Veranlagung zuschreiben, sondern man muss sehen, was der Mensch aus sich selbst macht; darin unterscheidet sich der Mensch ihrer Meinung nach von anderen Wesen, deren Identität bereits festgelegt und unveränderbar ist. Ihrer Ansicht nach, kann man den Menschen also nicht definieren, weil er keine feste Identität besitzt. Sie argumentieren, dass der Existenz des Menschen Vorrang vor seiner Identität gebührt, und sprechen sich gegen die Existenz jeglicher natürlichen Veranlagung aus. Sie übersehen dabei, dass die Anerkennung einer natürlichen Veranlagung keineswegs mit Freiheit und Verantwortlichkeit im Widerspruch steht. Der Mensch kann frei geschaffen worden sein und die freie Wahl haben und dennoch über eine natürliche Veranlagung verfügen. Offensichtlich haben die Existentialisten also keine überzeugenden Argumente gegen die Existenz einer natürlichen Veranlagung vorlegen können.
Es ist klar, dass die Ideologien, die das menschliche Verhalten als ein Produkt der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Umstände ansehen, die Existenz einer natürlichen Veranlagung bestreiten. Eine solche Ansicht lässt die Existenz einer gemeinsamen, natürlichen Veranlagung gar nicht zu. Emile Durkheim und andere Soziologen konnten mit der natürlichen Veranlagung keine Bedeutung assoziieren. Selbstverständlich sind wir auch der Meinung, dass sich die Gesellschaft auf den Menschen auswirkt, aber die Anerkennung dieser Einflüsse ist nichtsdestotrotz mit der Existenz einer natürlichen Veranlagung vereinbar, weil sie nicht die absolute Gleichheit aller Menschen voraussetzt. Jeder Mensch kann seine Eigenschaften haben; man kann folglich nicht behaupten, dass sich die Gesellschaft in einem Maße auf alle Aspekte der menschlichen Individualität auswirkt, so dass die Idee einer natürlichen Veranlagung absurd erscheint. Eine solche Ansicht ist zu extrem und daher inakzeptabel.
Der Einfluss der Gesellschaft auf das menschliche Verhalten setzt das Abstreiten einer natürlichen Veranlagung nicht voraus. Die Akzeptanz seitens der Gesellschaft hat die Anerkennung der Fähigkeiten, Neigungen, Talente und Kapazitäten zur Folge, denn ohne eine natürliche Veranlagung könnte sich die Gesellschaft nicht in einem solchen Maß auf das menschliche Verhalten auswirken. Wir sind aber durchaus der Meinung, dass der Mensch sich mit seiner eigenen Entwicklung befassen und sich das für ihn Richtige aussuchen muss, damit er das Ziel seiner Schöpfung erreichen kann. Doch wenn man von einer Entwicklung spricht, setzt man die Existenz veranlagter Talente und Kapazitäten voraus, die diese Entwicklung erst ermöglichen. So verfügt jede Person bei der Schaffung über bestimmte Kapazitäten, und da die Rede vom Menschen ist, sollte man diese gemeinsamen Kapazitäten suchen, die der Heilige Qur’an als „Veranlagung“ bezeichnet. Diese natürliche Veranlagung besteht aus den immateriellen Wünschen und höheren Neigungen des Menschen, denn Bedürfnisse wie Nahrung, Wasser, Schlaf und Fortpflanzung haben Mensch und Tier und sind auf Instinkte zurückzuführen. In den nächsten Ansprachen werden wir uns mit Gottes Hilfe eingehender mit dem Thema der natürlichen Veranlagung befassen, uns einige Qur’anverse diesbezüglich ansehen und uns den Segen dieser Kenntnis zugute kommen lassen. Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.
[1] Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus?, S. 28 (Ins Persische übersetzt von Mustafa Rahimi).
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